| Zur Person |
|
| Albert Aufdermauer wurde am 18. April 1951 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Als 22jähriger hatte er bei einem Raubüberfall auf einen Bauernhof den Bauern so schwer verletzt, daß dieser später starb. Die Tochter des Bauern wurde ebenfalls verletzt. Albert Aufdermauer hatte in der Nachkriegszeit bis 1947 dort im Stall gewohnt, und das Gericht legte darum seine Tat als Racheakt aus und verurteilte ihn "wegen schweren Raubes in Tateinheit mit Totschlag und versuchtem Totschlag". Nach 30 Haftjahren und mehrfachen vergeblichen Gnadengesuchen machte er einen eintägigen Hafturlaub zu einer 20tägigen experimentellen Freiheit, die er nach "30 Jahren Hölle ein Stückchen Himmel" nannte. Sein Versuch, sich nach dieser kurzen Zeit freiwillig zu stellen, scheiterte an der Bürokratie der zuständigen Strafanstalt, die zur Stunde "keine Geschäftszeit" mehr hatte. Am nächsten Morgen wurde er bei einem erneuten Versuch vor der Strafanstalt festgenommen und wieder in Einzelhaft überführt. Dies geschah im Spätsommer 1980. Als der Film am 5. Mai 1982 erstausgestrahlt wurde, war er 53 Jahre alt. | | |
|
| | | |
| Begegnung |
Ich lernte Albert Aufdermauer kennen, zunächst brieflich aber dann auch persönlich. Meine erste Bekanntschaft mit dem Strafvollzug, schon allein in der Rolle des Besuchers, und noch viel mehr die Begegnung mit einem Menschen, der mit ungebeugter Widerstandskraft trotz zermürbender Jahrzehnte der Einzelhaft auf eine Begnadigung hofft, festigten meinen Entschluß, die mir als Student der Filmhochschule München zur Verfügung stehende Möglichkeit zu nutzen, meine Abschlußarbeit zu einem Gnadengesuch für Albert Aufdermauer zu machen. Ich bat ihn, mir seine Eindrücke von der Zeit "draußen" zu schildern. Er schrieb mir: "Ich habe festgestellt, daß fast alle Menschen in der Freiheit sich wahnsinnig davor fürchten, ihre fraglos bestehenden Fehler und Schwächen offen zu zeigen. Ich habe diese Menschen im Stillen bedauert. Sicher gehört diese zur Schau gestellte Unfehlbarkeit zum heutigen Leistungsprinzip. Wer aber seine eigene Unzulänglichkeit ignoriert, der stützt damit eine folgenschwere Fehlentwicklung. Genügsamkeit und die Besinnung auf ideelle Werte sollten wieder mehr und mehr zum allgemeinen Lebensinhalt werden. Ich kann zwar nicht sagen, ob mich nicht auch die Existenzangst packt. Bestimmt werde ich sehr verunsichert sein und mich fragen, ob ich je noch einen Schritt machen kann, ohne daß ich im Wege bin. Als Gemeinschaftswesen werde ich mich schon sehr anpassen müssen. Doch die herrliche Freiheit macht das Ertragen solcher kleinen Belastungen gut möglich. Immerhin bin ich 20 Tage lebendig gewesen, ohne in irgendeiner Weise außergewöhnlich aufzufallen oder den Mitmenschen zum Ärgernis zu werden. Das gibt mir den Mut, an ein schönes und gutes Leben in Freiheit zu glauben. Doch in der gegenwärtigen Lage habe ich keine Kraft ein bißchen Freude oder gar Glück für die Zukunft zu erhoffen. So ein unerträgliches Dasein läßt alle Grenzen zur Realität verschwimmen und macht jedes gute Gefühl zunichte. Ohne schöne Wirklichkeitserlebnisse zerfallen alle Träume und Wünsche zu Staub. Vorher war alles die pure Hölle. Nun aber ist mein Leben ein ewiges Nichts." |
| | | | |
|
| | | |
| | | | |
| Ein Film als Gnadengesuch |
"Aufdermauer" ist keine Dokumentation - weder über die Problematik des Strafvollzugs im Allgemeinen noch über einen "Fall" im Speziellen. Der Film ist ein Versuch, der Person Albert Aufdermauer mit den Mitteln einer Spielhandlung gerecht zu werden, sich ihrem Wesen anzunähern. Es ist sein Wunsch, Verständnis zu wecken für die Schwierigkeiten der Außenseiterrolle, in die ein Strafgefangener infolge jahrzehntelanger Isolation von der "Wirklichkeit" gedrängt wird. Andererseits thematisiert er auch meine persönlichen Skrupel, solch ein Schicksal der Öffentlichkeit auszusetzen, und zwar in Form der Zweifel eines Journalisten (gespielt von Klaus Grünberg), ob und auf welche Weise dem Strafgefangenen (Klaus Abramowsky) überhaupt geholfen sein kann. Ebenso wichtig ist mir die Parallele zwischen dem Jugenddelikt aus dem Beginn der Fünfziger Jahre und dem Verhalten von Jugendlichen heute, vertreten durch eine junge Kassiererin (Susann B. Winter), welches der Strafgefangene während seines Ausflugs in die Freiheit beobachten kann. Viele der dargestellten Situationen sind konstruiert, die wesentlichen Ereignisse aber sind authentisch und zumeist an originalschauplätzen nachgestellt worden. In diesem Zusammenhang möchte ich unterstreichen, daß es mir ohne die unermüdliche Unterstützung der Darsteller, meines Filmteams sowie der Stadt Bielefeld und vieler Freiwilliger aus der Bevölkerung nicht möglich gewesen wäre, diesen Film bei einem Budget von nur 110'000.- DM zu realisieren - ganz abgesehen von den Versuchen der Justizbehörden, mein Vorhaben zu erschweren. Eine Unterstützung seitens des Justizministers des Landes Nordrhein-Westfalen wurde mir mit dem Hinweis verwehrt, es müsse darauf geachtet werden, "daß durch Publikationen über Gefangene deren spätere Wiedereingliederung in die Gesellschaft nicht gefährdet wird." In ausdrücklichem Einvernehmen mit der betroffenen Person möchte ich noch einmal betonen, daß das genaue Gegenteil das Anliegen dieses Films ist. Er möchte als Gnadengesuch für Albert Aufdermauer verstanden werden und für seine baldige Wiedereingliederung in die Gesellschaft plädieren. Allein dadurch erhält "Aufdermauer" in meinen Augen seine Berechtigung. Lutz Konermann (1982) |
|
| | | |
| Werl, den 16. Mai 1982 | | |
Lieber Herr Konermann, vielen Dank für den gelungenen Film. Mein Kompliment dazu, würde sehr dürftig ausfallen, wenn ich nun kritisieren wollte. Sie haben meine Lage recht gut getroffen. Der Darsteller war so gut, daß ich mich in den meisten Szenen wiedererkannt habe. Und die künstlerische Gestaltung wird Ihnen meiner Ansicht nach ein Examen mit Auszeichnung garantieren. Seien Sie vorerst ganz herzlich gegrüßt, Ihr Albert Aufdermauer |
| | | | |
| Henstedt-Ulzburg, den 6. Juni 1986 | | |
Lieber Lutz Konermann! Sie erinnern sich sicher, daß ich Ihnen vor ungefähr drei Jahren über meine Bemühungen berichtet hatte, Herrn Aufdermauer aus seiner jahrzehntelangen Haft freizubekommen. Ihr Film, der im Mai 1982 im Fernsehen gesendet wurde, war für mich eine Aufforderung gewesen, mich hier einzuschalten. Im Mai 1984 fand ich durch einen Artikel, den ich im Hamburger Abendblatt veröffentlichen ließ, eine Mitstreiterin. Sie ist inzwischen die Lebensgefährtin von Herrn Aufdermauer, und ihren Anstrengungen ist es im wesentlichen zu danken, daß Herr A. nunmehr seit dem 7. Mai dieses Jahres frei ist. Ich denke, ich sollte Ihnen das mitteilen! Die Bestätigung Ihrer künstlerischen Arbeit ist für Sie sicher ein wichtiges Moment. Die Tatsache, über die Wirkung von Erschütterung solidarisches Handeln provoziert zu haben, dürfen Sie für sich als größeren Erfolg verbuchen! In einer zunehmend unmenschlich werdenden Welt liegen solche Themen buchstäblich vor der Tür. Vielleicht gelingt es Ihnen durch Ihr filmisches Schaffen wieder einmal zum Handeln aufzurufen, um ein kleines Stückchen dieser Erde menschlicher zu machen. Mit freundlichem Gruß, Charlotte Beigel Terre des Hommes Deutschland e.V. |