Der andere Blick
Aus dem Programmheft Mai 1987 des Deutschen Filmmuseums, Frankfurt am Main
Beispiele des jüngsten deutschen
Films
Nach "25 Jahre Oberhausener Manifest - Die Anfänge des jungen deutschen Films" folgen im Mai und im Juni Arbeiten von jungen deutschen Filmemachern, denen man, provokativ, die Überschrift "Das jüngere deutsche Kino" geben könnte - hätte sich die Gruppe nicht schon selbst den Namen "Der andere Blick" zugelegt.
Darin liegt gleichzeitig eine Feststellung und ein Anspruch: die Feststellung, daß der 25 Jahre alt gewordene junge deutsche Film nie eine einheitliche Erscheinung gewesen ist, sondern sich aus einer Vielzahl von verschiedenen Gruppen und Generationen zusammensetzte, die Feststellung auch, daß die Bewegung in die Jahre gekommen ist und dringend der Auffrischung bedarf, soll es ihn denn weiter geben, den jungen deutschen Film.
Diesen Anspruch, für Erneuerung, für das notwendige frische Blut zu sorgen, erheben sie durchaus, die Regisseure von Der andere Blick (Lutz Konermann, Mathias Allary, Jan Schütte, Werner Penzel, Nico Hofmann, Nicolas Humbert, Christian Wagner).
Was sie verbindet, ist freilich kein gemeinsames ästhetisches Programm, kein gemeinsames Anliegen - außer einem: daß sie gerne ihre Filme ins Kino bringen möchten. Und genau da wird es interessant. Offensichtlich ist das gar nicht mehr so leicht, offensichtlich wird die Zahl jener Filme wieder größer, die zwar gemacht werden können, die aber nicht mehr einen Verleih finden oder die, wenn sie einen Verleih haben, von einem Kino nicht gebucht werden.
Es war nichts als pure Selbsthilfe, was die Filmemacher zusammengebunden hat: der Entschluß, sich nicht nur gegen die Produktionsschwierigkeiten durchzusetzen, sondern auch Vertrieb und Abspiel selbst in die Hand zu nehmen und dafür zu sorgen, daß ihre Filme nicht für die Schublade gemacht werden, sondern zum Zuschauer finden. Wer den Jungen deutschen Film schon länger beobachtet hat, wird sich sofort an die Gründung des Filmverlags der Autoren um 1970 erinnern - und tatsächlich stehen hinter der Gründung von Der andere Blick die gleichen Motive - und vielleicht eine ähnliche filmpolitische Situation.
In dieser Situation ist damals auch das Kommunale Kino gegründet worden - als Möglichkeit, all die Filme zu zeigen, die im normalen Kino keinen Platz finden. Wir fühlen uns dieser Aufgabe immer noch verpflichtet, deshalb die Einladung an Der andere Blick, sich in Frankfurt vorzustellen, deshalb in den nächsten Monaten ein verstärktes Angebot von wirklich jungen deutschen Filmen, die zumindest in unserer Stadt im Kino nicht zu sehen waren, deshalb in den nächsten Monaten Programme mit deutschen Regisseuren, von denen wir schon einmal Retrospektiven gezeigt haben, die aber mit den seither entstandenen Filmen noch nicht bei uns waren - und deshalb vor allem zum Auftakt der Reihe Der andere Blick eine Podiumsdiskussion, bei der unter Leitung von Jürgen Kritz einige Mitglieder von Der andere Blick ihre Analyse der gegenwärtigen Filmsituation in unserem Land darstellen und über ihre Arbeit berichten werden.
Walter Schober