Interview aus dialog



Das Leben ist kein Eierkuchen

Der Regisseur Lutz Konermann macht nicht die leicht verdaulichen Filme. Dabei hat er, der an der HFF München noch als waschechter Autorenfilmer ausgebildet wurde, seinen Fernseheinstieg ausgerechnet bei der "Lindenstrasse" gefunden. Von da an ging's aufwärts: Zahlreiche Regiearbeiten, Adolf-Grimme-Preis, Professur an der Filmakademie Baden-Württemberg. Daniel Oliver Bachmann sprach mit dem Regisseur am Morgen nach der Ausstrahlung seines neuen Films "Meine Tochter darf es nie erfahren" auf SAT.1.

dialog: Gefeiert gestern?

Konermann: Ich war bei meiner Schwester in Stuttgart-Botnang und habe den Film mit ihr und ihrem Mann angeschaut. Und dann in der selben leeren Wohnung übernachtet, in der ich das Buch vor einem Jahr geschrieben habe.

dialog: Müßte doch eigentlich im Abspann stehen. Zu Ehren des Filmlands Baden-Württemberg.

Konermann: Zu Ehren des Fremdenverkehrsbüros Botnang. Ich hatte eine gute Zeit dort. Drei Wochen Klausur, ohne Kontakt zur Außenwelt, allein mit meinen Figuren in einem Raum.

dialog: In den Credits wird Hermann Kirchmann als Co-Autor genannt?

Konermann: Wir haben das Buch zusammen entwickelt. Er ist der Produzent und fragte mich, ob ich dazu Lust hätte. Wir haben ja schon bei "Virus X" zusammengearbeitet. Und gemeinsam haben wir das Treatment geschrieben, viel gerungen und gekämpft.

dialog: Um was?

Konermann: Plot, Grundperspektive, Hauptfiguren. Einfach alles. Ab dem Treatment hat jeder von uns seine Version des Drehbuchs geschrieben.

dialog: Und diese haben Sie dann zusammengeworfen?

Konermann: Die guten Szenen ins Töpfchen - die schlechten ins Kröpfchen... Schon erstaunlich, wie unterschiedlich die Visionen sein können, die einem gemeinsamen Treatment entspringen. Aber weil ich ja Regie führen sollte und "Blut geleckt" hatte, standen mir die Figuren bereits vor Augen, ich hörte sie reden, hatte ihre Psychologie im Gefühl. Und so ist die definitive Version des Drehbuches meine geworden. Aber natürlich ist Hermann Co-Autor des Films.

dialog: Beeinflußte das Schreiben Ihre Regiearbeit?

Konermann: Es gibt ja das Vorurteil, daß einem bei Personalunion eine Kontrollinstanz fehlt. Aber dieses Mal hat es mir sehr geholfen, daß ich meine Figuren in- und auswendig kannte. Hinzu kam, daß die Atmosphäre am Set so kreativ und konstruktiv war wie selten. Keiner hat "Auftragsarbeit" geleistet &endash; es ging allen ums Ganze.

dialog: "Meine Tochter darf es nie erfahren" erzählt ein Inzest-Drama. Was hat Sie an der Geschichte gereizt?

Konermann: Die Anregung kam aus der SAT.1-Redaktion. Die äußerte den klaren Wunsch, für ihr Programm eine Frauenthematik, explizit das Thema Inzest, zu bearbeiten. Es gab schon verschiedene Ansätze. Ich las einen, fand ihn viel zu spekulativ und sagte: Vielen Dank, ein ander' Mal. So vergingen mehrere Monate. Dann bekam ich einen Anruf: Der Ansatz sei nun auch von der Redaktion verworfen worden. Wir haben uns also neu zusammengesetzt und ich erklärte, woran ich nicht interessiert bin: Etwas Spekulatives, Voyeuristisches zu machen. Daher gab es ohnehin nur eine Möglichkeit, die Geschichte zu erzählen: Aus der Perspektive des Opfers. Und zwar entweder während der Mißbrauch noch andauert, oder aber in seiner Aufarbeitung. Nächster Schritt: Wenn ein ehemaliges Inzestopfer die Protagonistin sein soll, dann hat diese ein Geheimnis vor dem Zuschauer. Damit aber laufen wir Gefahr, die Identifikation mit ihr zu erschweren. Durch meine Recherchen kam ich dann auf die Verdrängung, die beim traumatisierten Opfer manchmal so perfekt ist, daß sie bis zur Persönlichkeitsspaltung führt. Das war der Durchbruch: Mit dem Prozeß der Retraumatisierung schafften wir die dramatische Grundvoraussetzung für eine Identifikation seitens der Zuschauer.

dialog: Wie haben Sie recherchiert?

Konermann: Ich las Fachliteratur, sprach mit einer Psychologin und führte lange Gespräche mit einer Betroffenen.

dialog: Die Geschichte ist straight und schnörkellos erzählt. Ohne Pathos.

Konermann: Pathos liegt mir auch fern. Trotzdem war klar: Ich schreibe ein TV Movie für SAT.1. Das muß man berücksichtigen.

dialog: Was heißt das? Hätten Sie für ARD, ZDF oder RTL die Geschichte anders geschrieben?

Konermann: Für RTL kann ich mir nicht vorstellen zu schreiben. Bei SAT.1 habe ich immerhin eine gewisse Offenheit gegenüber Qualität kennengelernt. Natürlich sind sie dort wie bei allen Privaten auf Quote angewiesen und haben ihre Rezepte dafür. Aber es gibt durchaus noch Redakteure, die für Anspruch, Qualität und Niveau zu haben sind. Denen es nicht ausschließlich um die Quote geht.

dialog: Haben Sie die heute morgen gleich gecheckt?

Konermann: Ich weiß ja gar nicht, wie man das macht. Aber jemand wird sie mir schon mitteilen.

dialog: Quote und Qualität schließen sich doch nicht aus.

Konermann: Kein Redakteur ist dagegen, daß sein Programm ein gewisses Niveau hat. Und trotzdem ist Qualität häufig nur ein Lippenbekenntnis. Man hört oft: Dieser Film wird zu anspruchsvoll. Der wird unser Publikum niemals erreichen.

dialog: Womit man den Zuschauer für ziemlich dumm verkauft.

Konermann: So ist es. Das Vorurteil und die Überheblichkeit vieler Redaktionsstuben. Ein fataler Denkfehler. Das Publikum ist durchaus intelligenter und vor allem gebildet im Umgang mit Geschichten.

dialog: Auf Ihrer Homepage listen Sie alle Kritiken zu Ihrem Thriller "Herzlos" auf und betiteln sie mit "Nichts ist, wie es scheint - alles ist wahr".

Konermann: Ein Schriftsteller wurde gefragt: ´Wie halten Sie es mit Ihren Kritiken?` Es sagte: ´Wie mit Brillanten. Ich trage sie mit Fassung.` Ich habe das auch versucht. Aber die Kritiken zu diesem Film, das war schon ein seelisches Wechselbad. So was hatte ich noch nie erlebt. Totale Häme auf der einen Seite, Hymnen auf der anderen.

dialog: Was ist daran auszusetzen? Polarisiert eine kreative Leistung nicht, hat man Mittelmaß geschaffen.

Konermann: Mich ärgert schlechte Kritik, die einen Film vorverurteilt. Denn sie sabotiert mitunter, daß sich der Zuschauer ein eigenes Bild verschafft. Wenn ich im Vorfeld zu "Meine Tochter..." lese, der Film sei viel zu spekulativ, dann trifft mich das. Denn für mich ist er genau das Gegenteil.

dialog: Sie sind in Deutschland geboren, in Italien aufgewachsen und leben heute in der Schweiz. Welche Geschichten beeinflußten Sie in Ihrer Kindheit?

Konermann: Ich komme aus einem Akademikerhaushalt. Mein Vater war Chemiker, und ich wäre wahrscheinlich auch Naturwissenschaftler geworden. Aus der Bahn warf mich die zweite Heirat meiner Mutter. Ich war damals dreizehn und kam aus der deutschen Provinz in die Großstadt Mailand. Meinen Gymnasiallehrern dort verdanke ich sehr viel. Die Anstöße, mich künstlerisch und journalistisch zu betätigen. Ich lernte Fotographie, führte Interviews. Als ich mich nach der Schule und zwei Semestern Architektur schließlich in München an der Filmhochschule bewarb, wußte ich nicht, ob ich Kameramann oder Regisseur lernen wollte. Kameramann ging in München nicht. Also habe ich mich für Regie entschieden.

dialog: Wie alt - oder wie jung - waren Sie zu der Zeit?

Konermann: Neunzehn. Heute fällt es mir schwer, neunzehnjährigen Bewerbern an der Filmakademie Ludwigsburg zu sagen: ´Komm, du bist fit genug dafür.` Das ist schon verdammt jung, wenn man Filme machen will. Dazu bin ich in München noch im völlig überkommenen Geiste des Autorenfilms erzogen worden. Mit der anschließenden Totalüberforderung, die Autorenfilm in der Regel bedeutet.

dialog: Ich kann alles, ich mache alles?

Konermann: Genau. Ich war vierundzwanzig, hatte das Studium erfolgreich beendet und wartete darauf, daß Hollywood anruft. Das Telefon blieb stumm. Da habe ich mich also nochmals aufgebäumt: "Schwarz und ohne Zucker". Selbst geschrieben, inszeniert, gespielt, produziert, geschnitten und auch noch vermarktet. Autorenfilm-Herzblut á gogo. Und obwohl der Film immer wieder, und gerade hier in Stuttgart, gerne ausgeliehen wurde, hatte ich mich total verausgabt. Finanziell und emotional war ich so erschöpft, daß ich danach die industriellste Form der Fernsehfiktion annahm: "Die Lindenstraße". So kam ich zur Auftragsregie.

dialog: Das Virus Ebola kreist heute wieder durch die Gazetten - vier Jahre nach Ihrem Film "Virus X". Haben Sie damals einen Diskussionsanstoß geleistet?

Konermann: Fernsehen wird im Unterschied zum Kino viel häufiger im Familienkreis gesehen, bzw. simultan in sehr vielen Haushalten. Das führt ja auch z.B. zum Lindenstraßenphänomen, daß am Arbeitsplatz die Folge vom Vorabend diskutiert wird. Darin liegt die Chance der Fernsehfiktion. Im Sinne einer Horizonterweiterung hat vielleicht auch "Virus X" zu einer neuen Nachdenklichkeit geführt. Wir bieten keine Lösungen an. Aber ein Film, der nah ran geht mit seiner Geschichte und seinen Figuren, kann ein neues und tiefes Verständnis wecken für seine spezifische Thematik.

dialog: Damit geht man auch eine hohe Verantwortung ein.

Konermann: Die finde ich faszinierend: Das Wissen, jetzt, Viertel nach acht Uhr, sehen sich soundsoviel Millionen Zuschauer deinen Film an. Setzen sich kollektiv mit einem Inhalt auseinander. Mit ein und derselben Geschichte, ein und denselben Figuren. Ein verrücktes Gefühl.

dialog: Welche Geschichten reizen Sie denn am meisten?

Konermann: Menschen in Krisensituationen. Egal, ob das eine Virusseuche ist, ein Inzest oder die große Liebe.

dialog: Ihr Film "Eine fast perfekte Liebe" nennt sich im Untertitel Komödie und ist auf weite Strecken eine Tragödie. Und bietet dem Zuschauer auch nicht den üblichen Friede-Freude-Eierkuchen-Schluß.

Konermann: Das Leben ist kein Eierkuchen. Und ich mag offene Enden.

dialog: Was ist denn für Sie der Unterschied zwischen der Komödie und der Tragödie?

Konermann: Die Tragödie ist unabwendbar und damit auch vorhersehbar. Die Komödie ist das nicht. Sie überrascht. Ich lache, weil etwas Unerwartetes geschieht, das Gegenteil meiner Erwartung. Lachen ist auch immer ein Zeichen von Krise.

dialog: Herr Konermann, was lieben Sie an einer guten Geschichte?

Konermann: Ihre Menschlichkeit.