Anläßlich der Verleihung des Förderpreises "Film" veranstaltete das Filmmuseum München am 10.07.1988 eine Retrospektive "Lutz Konermann". Aus dem Programmheft:
Außenaufnahmen
Mein erster Übungsfilm an der Filmhochschule. Ich war damals 20, und Filmgeschichtenschreiben eine ziemliche Überforderung. Ich hab mir etwas sehr Persönliches ausgesucht, quasi autobiographisch - dieses Geschwisterverhältnis - sehr zögernd, behutsam, verdeckt. Aus den dramaturgischen Schwächen habe ich dabei wohl am meisten gelernt. Und ich war danach von dem Druck frei, streng innerliche, autobiographische Stoffe herzunehmen. "Außenaufnahmen" hat aber neben dieser deutschen Komponente gleichzeitig für mich auch eine Leichtigkeit an sich, so was 'Italienisches', was ich dann erst viel später, mit "Schwarz und ohne Zucker" wieder aufgegriffen habe.
Die Schwelle
Eigentlich eine Kameraübung, die noch vor "Außenaufnahmen" gedreht worden ist, aber erst später fertig wurde. Markus Bräutigam und ich haben versucht, mit den Mitteln des Stummfilms und der Musik eine einfache, klare, kleine Alltagssituation zwischen Mann und Frau zu beschreiben, in der der Mut fehlt, die Schwelle zur Verwirklichung der eigenen Träume zu überwinden. Ist vor allem auch eine logistische Übung gewesen: 90 Einstellungen auf zwei Zugfahrten von München nach Tegernsee.
Monitor
Mein zweiter Übungsfilm. Ein Kammerspiel für Mann, Frau und einen Monitor. Ich war 21, Vadim Glowna doppelt so alt - wie wir an einem seiner nur 3 (!) Drehtage im nachgebauten Fahrstuhl feststellten. Zum ersten Mal arbeitete ich mit Schauspielern. Die machten für ein symbolisches Taschengeld mit, weil sie das Thema gut fanden. Ausgiebige Nachbearbeitung am Schneidetisch. Die Entdeckung der Tonebenen.
Basisarbeit
Mein erster Dokumentarfilm. Eine politische Reportage über Methoden des Wahlkampfs, am Beispiel der CSU und ihres Videofilms "Die Legende vom Macher Schmidt" (dieses Machwerk ist danach von der CSU zurückgezogen worden). Ich hatte die richtige Information zum richtigen Zeitpunkt. Der Filmverlag war spontan an dem Thema interessiert und hat produziert. Es hat dann einigen Pressewirbel gegeben. Der Film wurde als Vorfilm zu "Der Kandidat" (von Kluge, Schlöndorff, Aust) eingesetzt. Ich hab damals angefangen, meine Vorliebe für Reportagen zu entwickeln, in denen sich die Situation über die Bilder und die Aussagen der Betroffenen erklärt. Assoziative Montage ja - aber kein Kommentar.
Augen geradeaus
Haben wir ein halbes Jahr später gedreht - über die Rekrutenvereidigung auf dem Königsplatz. Wieder hat der Filmverlag der Autoren seine kurzfristige Produktionszusage gegeben. Wir waren drei Teams und hatten viele technische Ausfälle - es hat gefroren und die Kameras blieben stehen. Nach neunzig Minuten war alles vorüber und das Material sah auf den ersten Blick nicht gerade ermutigend aus. Maria Knilli und ich haben dann den Film daraus geschnitten, aufbauend auf den gemeinsamen Erfahrungen mit "Basisarbeit". Er ist als Vorfilm eingesetzt worden, zu "Die bleierne Zeit" (von M. von Trotta). Leider werden diese Vorfilme von den Kinos fast nie gespielt.
Aufdermauer
Ist für mich die Synthese aller vorherigen Erfahrungen - ein Doku-Drama, nach einer authentischen Geschichte. Ich bin auf Albert Aufdermauers Schicksal durch einen "Stern"-Artikel aufmerksam geworden, habe recherchiert, ihn im Gefängnis kennengelernt und beschlossen, ihm und seinem Schicksal meinen Abschlußfilm zu widmen. Er sollte sehr schnell produziert werden, ein richtiges Drehbuch habe ich nie geschrieben, die Dialoge sind gemeinsam mit den Schauspielern improvisiert oder noch in der Nacht zuvor entstanden. Das "Kleine Fernsehspiel" war der einzige Partner, der bereit war, sich auf das Risiko einzulassen. Wir hatten extrem wenig Geld, sehr viel Idealismus und Opferbereitschaft. Ohne den großartigen Teamgeist aller Beteiligten gäb's den Film nicht. Ich habe gute Resonanzen bekommen, aber das wichtigste Ergebnis: Albert Aufdermauer ist inzwischen auf freiem Fuß - ein Langzeit-Resultat der Fernsehausstrahlung des Films, die Menschen in Bewegung versetzt hat, sein Schicksal in die Hand zu nehmen. Das hat mich sehr gerührt.
Heiter bis friedlich
Meine dritte Reportage für den Filmverlag der Autoren - eine Dokumentation eines Pfingsttreffens von Vertretern der Friedens- und Umweltbewegung. Sehr bunt!
Josef Mommerz, Oberwachtmeister
Eine sehr private Filmskizze. Als mein Großvater so alt war wie ich zu der Zeit, als der Film entstand, war er Polizist. Ich hab ihn eine Anekdote erzählen lassen, von damals.
Vorwarnzeit
Dieses Dokumentarmaterial von den Aktivitäten der Friedensbewegung 1983/84 hätte eigentlich Bestandteil eines Episoden-Spiel- und Dokumentarfilms über den sogenannten "Heißen Herbst" werden sollen. Da die bereits bewilligten Gelder des BMI damals von Zimmermann blockiert wurden, ist es bei den Dokumentarfilmbildern geblieben. Jan Schütte und ich haben dann später mit ihrer Hilfe, in der Rückschau, eine filmische Bilanz gezogen.
Schwarz und ohne Zucker
Drei Jahre nach "Aufdermauer" und nach mehreren gescheiterten Anläufen, mit Hilfe eines Drehbuchs Förderungsmittel zu bekommen, war für mich die Zeit reif, endlich weiterzumachen mit Spielfilm. Ich hatte eine ausgediente Techniscope-Kamera auf dem Flohmarkt gekauft, Schauspielunterricht genommen, eine isländische Theatergruppe kennengelernt und mir einen hohen Kredit geben lassen. Ein Drehbuch gab's nicht, aber viele Bilder im Kopf. Mein Kameramann, Tom Fährmann, und ich hatten die Motive entlang der Italienroute vorab gesucht - einige sind während dem Drehen noch dazugekommen. Auch bei diesem Film, meinem ersten bewußt für's Kino gedrehten, gab's das typische Mißverhältnis zwischen Geld und Idealismus. Eine harte Zeit, eine große Erfahrung - und bei allem war viel Glück im Spiel. "Schwarz und ohne Zucker" ist eine Liebesgeschichte, ein Märchen, ein bißchen entrückt und in jeder Minute verwundbar. Ich bin in Italien aufgewachsen - so konnten sich verschiedene Kreise schließen. Nach diesem Film habe ich angefangen, mich mit Dramaturgie auseinanderzusetzen - und mit der Kinoverleihsituation in der Bundesrepublik.
Lutz Konermann (1988)