Zum neunten Mal: "LiteraVision" in München
Dr. Volker Lilienthal in epd medien Nr. 29 vom 21. April 1999
Neue Frische
Unter den bedrohten Arten im deutschen Fernsehen werden
Literatursendungen immer wieder auf den vordersten Plätzen
vermutet. Fernsehdirektoren und Programmplaner als die großen
Gleichmacher der quotenorientierten Strömungsprogramme seien
vielerorts dabei, die Sendeplätze für Bücher und
Autoren zu verkürzen, zu verschieben oder gleich ganz
abzuschaffen - so die beredte Klage der Freunde der deutschen Sprache
und des schönen Wortes.
Dieses kulturpessimistische Szenario ist nicht ganz unbegründet,
aber auch nicht die ganze Wahrheit. Beispiel Bayerisches Fernsehen:
Dessen "Lese-Zeichen" wurde 1996 vom späten Montagabend auf
jetzt Sonntag 11.45 Uhr verschoben. Ein herber Verlust von Zuschauern
war die Folge: Sahen früher zwischen 60.000 und auch mal 120.000
Menschen zu, so hat die Literatursendung heute in der Regel nur noch
20.000 bis 30.000 Zuschauer. 100.000 werden nur noch erreicht, wenn
das Vorprogramm besonders gut war. Allerdings hat die Literatur im
Bayerischen Fernsehen alle zwei Wochen zusätzlich einen
Feature-Sendeplatz im Rahmen des sog. Kultur-Samstags - zur besten
Fernsehzeit um 21.30 Uhr.
Das "Bücherjournal" des NDR wird im nächsten Monat
weitgehend abgeschafft - ebenso das Kulturmagazin "Arena". An deren
Stelle tritt am 3. Mai eine neue Sendung namens "KulturJournal"
wöchentlich eine halbe Stunde um 22.30 Uhr,
regelmäßig auch zu Bücherthemen. Veränderungen,
die nicht von der Programmplanung oktroyiert sondern aus der
Redaktion heraus entwickelt worden seien, wie der zuständige
Abteilungsleiter Christoph Bungartz betont. Das gute alte
"Bücherjournal" soll außerdem unter seinem angestammten
Titel künftig sechs Sondersendungen übers Jahr (statt
bisher 19) behalten. Auch bleibt es bei den jährlich drei
ARD-Terminen der NDR-Literaturredaktion.
Ganz geschlossen wurde dagegen die monatliche "Buchhandlung" und die
"Lesezeit" im Programm von Deutsche Welle-tv. Jetzt gibt es noch
einmal wöchentlich fünf Minuten Bücher in der Sendung
"Deutschland heute". Zum Jahresende '98 war außerdem
Schluß mit dem "Lesefieber", das Manuela Reichart elf Jahre
lang im WDR-Fernsehen moderiert hatte. Doch gehört zum ganzen
Bild die Information, daß der Sender mit neuem Konzept
(populäre Bücher und leichtere Verständlichkeit) sowie
neuem Moderator (Gert Scobel, bekannt aus der 3sat-"Kulturzeit")
einen neuen Anlauf wagt: "Leselust" heißt diese Sendung etwas
bescheidener (Kritik in epd 14/99), und die ersten drei Sendungen
deuten einen zumindest quantitativen Aufstieg an: Mit 50.000
Zuschauer in NRW und 100.000 bundesweit ging es am 20. Januar los, am
17. Februar wurden 70.000 (NRW) bzw. 140.000 erreicht und am 17.
März 100.000 bzw. 160.000. Die Vorgängersendung
"Lesefieber" dümpelte auf NRW-Ebene bei 50.000 bis 70.000
Zuschauern vor sich hin.
Alles ändert sich - warum sollte dergleichen nicht auch für
die Literatur im Fernsehen gelten. Daß gerade die hohe Kultur,
will sie als öffentliche Fernsehsache überleben, neue
Vermittlungsweisen braucht, ist oft gefordert worden - getan hat sich
manches, aber nicht genug. Wie vital das Genre dennoch ist, zeigte
sich in diesem Jahr beim "LiteraVision"-Preis, den die bayerische
Landeshauptstadt München zum jetzt neunten Mal auslobte.
Immerhin 69 Beiträge hatte die Jury zu sichten - da beweist
schon die Zahl, daß es immer noch ordentlich Sendeplätze
für Literarisches gibt, auch wenn diese immer seltener in
integrationsverpflichteten Hauptprogrammen und immer öfter in
Spezialkanälen wie ARTE zu finden sind. Fehlanzeige wieder mal
bei den Privatsendern: Nur vier Einsendungen kamen aus diesem Feld,
davon zwei vom Regionalveranstalter Sachsen bzw. Dresden Fernsehen,
einer aus der Schweiz von "Format NZZ" (DCTP/VOX) und einer vom
Nachrichtensender n-tv. Mangels Qualität schaffte es keine
dieser Bewerbungen auch nur in die Endauswahl.
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Jurydebatte öffnet sich zum Werkstattgespräch
Unter Vorsitz der Schriftstellerin Dagmar Leupold tagte die
siebenköpfige Jury am 15. und 16. April im Münchener
Literaturhaus - und zwar öffentlich, wie es bei "LiteraVision"
guter Brauch ist. Den Juror als Kritiker zwingt das dazu, seine
Kriterien besonders zu schärfen und seine Einwände
besonders trifftig zu formulieren - manchmal auch ein bißchen
diplomatischer als sonst gewohnt. Denn im Publikum saßen viele
der Programmacher, die ihre Produkte eingereicht hatten - in der
Hoffnung nicht nur auf einen der beiden, mit 10.000 Mark stattlich
dotierten Hauptpreise, sondern auch auf ein Echo, auf eine fachliche
Beurteilung ihrer Arbeit, auf ein Werkstattgespräch.
Das konnte geboten werden, zumal die Jury nicht nur aus Kritikern
(wie der Berliner Publizistin Mechthild Zschau und dem Autor), aus
Theoretikern des Fernseh-Handwerks, wie bei den meisten anderen
TV-Wettbewerben der Fall, bestand, sondern sich mit Martina
Zöllner (Südwestrundfunk) und Eva Severini (Bayerisches
Fernsehen) auf die praktische Kompetenz von zwei
Vorjahres-Preisträgerinnen verlassen konnte. Ähnliches galt
für den Regisseur und Grimme-Preisträger Lutz Konermann,
der als Professor für szenischen Film der Filmakademie
Baden-Württemberg eingeladen war, sowie Hajo Steinert, den
Leiter Kulturelles Wort beim Deutschlandfunk, der
regelmäßig aber auch Fernsehfilme über Autoren und
ihre Bücher dreht.
Das Gesamtkontingent von 69 Produktionen wurde in Gruppen von je zwei
Juroren vorgeprüft. Dabei fanden sich natürlich zahlreiche
Exempel wahlloser Verlegenheitsbebilderungen literarischer Texte,
Filme ohne Struktur, geschweige denn Dramaturgie. Da waren Interviews
und Moderationen fast ohne Fragen, Zeugnisse falschen Respektes vor
mittelmäßiger Literatur und ihren eitlen Autoren.
Darüber hinaus aber barg der Cassetten-Berg manche respektable
Produktion, auch wenn es für eine Auszeichnung nicht reichte:
mehrere viertelstündige Autorenporträts von Roland Zag
etwa, gesendet im Schweizer Fernsehen, oder ein so informatives wie
elegantes Remarque-Porträt von Heiderose Leopold: "Er schrieb
für Millionen", gesendet weltweit von Deutsche Welle-tv, das
bislang leider nicht in Verdacht stand, viel Aufmerksamkeit für
Kultur zu haben: ein schönes Dichterbild mit vielen auch
malerischen Details, zusätzlich ein Stück Zeit- und
Sittengeschichte, einschließlich der politischen
Rezeptionsgeschichte dieses sogenannten Anti-Kriegs-Autors, der
gleichzeitig ein Lebemann und Geliebter von Marlene Dietrich
war.
Die besten 18 Filme kamen in die Endauswahl: 10 Kurzbeiträge aus
Magazinen und acht längere, in der Regel Autorenporträts -
von 3sat, vom Bayerischen und vom Schweizer Fernsehen DRS, von HR,
SDR, SFB, NDR und WDR sowie von Deutsche Welle tv und natürlich
ARTE.
Drei Versuche über Bertolt Brecht
1998 war das Brecht-Jubeljahr, in dem der politische Dichter 100
Jahre alt geworden wäre &endash; kein Wunder, daß die Jury
über gleich drei respektable Brecht-Filme zu befinden hatte. Den
mit 34'56" kürzesten davon hatten Vera und Markus Böhm
für 3sat produziert. Die beiden Filmemacher, übrigens
Mutter und Sohn, hatten Brechts "Kriegsfibel" ausgegraben und aus
diesem Fotobuch mit Anti-Knegs-Versen viel mehr als eine Diashow
gemacht, sondem das Buch so kreativ fürs Fernsehen adaptiert,
daß daraus etwas Neues, ein eigenständiger Film entstand,
der gerade auf der Bildebene mit höchst einfallsreichen
Kompositionen überraschte - ein filmisch einfallsreiches
Variationsspiel mit der Buchvorlage, ein Remake im guten
Sinne.
In einem historischen Werkstattbericht erfuhren wir, wie das Buch
entstand. Will nicht nur heißen: wie es geschrieben wurde,
sondern auch: wie seine Pressefotografien von Brecht gesammelt
wurden, wie das Buch gestaltet und gedruckt wurde. Auch die
zeitgenössische wie die heutige Rezeption wurde
berücksichtigt: Junge Fotografiestudenten, die im Interview
zeigten, daß sie mit der "Kriegsfibel" nicht mehr viel anfangen
konnten, wurden von den Böhms eines Besseren belehrt. Sichtbar
wurde die Aktualität dieses Brecht-Werkes. Bei alledem war das
implizite Dichter-Porträt keine Huldigung: Günter Kunert
insbesondere steuerte in Interview-Passagen Kritisches bei.
Zu kurz kam das in einem Zweiteiler, der einigen Juroren
vorübergehend als Favorit für den Preis galt: Joachim Langs
"Denken heißt verändern", ein Lebensbild und eine
Werkschau, insgesamt 130 Minuten lang, vom SDR produziert und Anfang
'98 in der ARD und auf ARTE gezeigt. Ein erzählerisches Werk,
bei dem der Zuschauer den großen Dichter sozusagen auf seinen
Lebensstationen begleiten durfte, voller schöner Fundstücke
wie einer Brecht-O-Ton-Aufnahme auf Stahldraht, ein Porträt aber
auch, das an der unbedingten Größe des Namens Brecht
festhalten wollte und deshalb die Grenzen des Mannes und des
politischen Menschen Brecht - sein Verhältnis zu Frauen, zum
Geld und zu Stalin - eher am Rande streifte. "Ein bißchen ein
Denkmal", meinte Mitjurorin Mechthild Zschau und fügte hinzu:
"Der gute Brecht kommt ziemlich gut weg."
Nicht nur deswegen reichte es für Joachim Lang am Ende nur
für eine Ehrende Anerkennung seines "lebendigen Porträts"
(so die Laudatio). Vor allem aber hatte der als letzter
Wettbewerbsbeitrag gezeigte Film von Andreas Christoph Schmidt
über "Brecht und Moskau" - vom SFB für ARTE produziert und
dort am 1. Juni vergangenen Jahres um 0.45 Uhr in der Nacht versendet
- alles bis dahin Gesehene in den Schatten gestellt.
Mit kritischer Verve hat der Slavist Schmidt Brechts heikles
Verhältnis zu Moskau rekonstruiert. Die Stadt steht dabei auch
für den Stalinismus, von dem deutlich sich zu distanzieren der
Dichter aus Gründen der politischen Opportunität nie gewagt
hat. Mit nicht nachlassender Spannung, die sich auf den Zuschauer
überträgt, zeigt Schmidt zahlreiche Momente falscher
Entscheidungen, an denen nicht selten das Schicksal von Menschen,
darunter Freunde Brechts, hing. Der Filmautor tut dies in Form
situativer Tableaus, bei denen er die individuellen Zeugnisse
Beteiligter und Betroffener mit auch visuellen Fundstücken aus
Archiven intelligent komponiert. Man ahnt, und das ist die
bedrückende Aktualität dieses Films: Die Kapitulation vor
der Macht und der Verrat der Schwachen sind Irrtümer, die
Intellektuellen nicht nur gestern, sondern immer wieder unterlaufen
können. Der im Literaturjoumalismus von heute so oft fehlende
eindeutige Standpunkt zu einem Autor und Werk - hier wird er
selbstbewußt, provozierend und stilsicher nicht nur behauptet,
sondern überzeugend dokumentiert. Randbemerkung zum
Schluß: Dem vorzüglichen Sprecher Otto Sander hätte
man eine Erwähnung im Abspann gönnen sollen!
Ehrende Anerkennungen
Die zweite Ehrende Anerkennung in der Sparte Langbeiträge ging
an die Frankfurter Autorin Elisabeth Weyer für ihr Porträt
des jüdisch-serbischen Erzählers Aleksandar Tisma, eine
HR-Produktion, die erstmals im Bayerischen Fernsehen gesendet wurde.
Kleinen handwerklichen und stilistischen Unvollkommenheiten zum Trotz
schätzte die Jury daran den weiten Raum, den der Film Tismas
Literatur selbst und den Lebenserinnerungen des Autors im Interview
gewährte. Lange und gute Zitate, gelesen vor passenden
Bildhintergründen, gaben eine Ahnung vom Geist dieser Romane.
"Diese sehr ruhigen, diskreten Bilder drängen sich nicht auf,
sondern lassen den Worten der Literatur Raum und Freiheit, sich zu
entfalten. So können die illusionslose Klarheit der Texte und
der Charme des Autors ungehindert wirken."
Ehrend anerkannt wurde auch ein kleiner Film aus dem
"Bücherjournal" des NDR: Susanne Brands Bericht über den
Roman "Tunnel oder Der Tag, als Mutter von Mutter von mir ging" von
Frédéric Klein. Die Autorin habe "kraftvolle, makabre
Bilder der Zerstörung" gefunden, heißt es in der Laudatio.
Spielszenen aus dem Roman wurden von Susanne Brand einfallsreich
gestaltet, "rasante Schnittmontagen" beleuchten den "schwarzen
Psychokosmos des Helden".
Eine Literaturminiatur als innovatives Format
Während ein solcher Magazinfilm mit 6'56" aus der Perspektive
des zur Länglichkeit neigenden Kulturfernsehens alten Stils
schon kurz erscheint, demonstrierte die stets innovative
"Kulturzeit"-Redaktion auf 3sat, daß es noch knapper geht,
selbst wenn Mammutwerke der Weltliteratur das Thema sind. "100
Sekunden Weltliteratur" heißt die fünfteilige Reihe, die
Frank Hertweck für das letztjährige Sommerprogramm der
"Kulturzeit" produzierte. Dabei ist der Titel buchstäblich:
genau 100 Sekunden, keine zwei Minuten also über diese
Kolossalromane: Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit",
Musils "Der Mann ohne Eigenschaften", Joyces "Ulysses", Melvilles
"Moby Dick" und Thomas Manns "Der Zauberberg".
In der Kürze, die er sich selbst auferlegt hatte, traf Hertweck
die einzig richtige Entscheidung: keine dokumentarische
Vollständigkeit der Inhaltsangabe, geschweige denn der
Autorenbiographie, sondern statt dessen eine lockere Assoziation von
Motiven, dargeboten auf dem Vorstellungshintergrund von hochgradig
bearbeiteten Psychobildern beispielsweise. Den Preis erhielt
Hertweck, Jahrgang 1960 und heute Literaturredakteur im
SWR-Fernsehen, für seinen Kurzfilm über den "Ulysses":
"Frank Hertweck führt die 'minimal art' in den literarischen
Fernseh-Journalismus ein", heißt es in der Laudatio. "In
hundert Sekunden bringt der Autor raffiniert geschnittene Bilder mit
einem witzig-intelligenten Text in Einklang und zu
überraschenden Pointen."
"'Moby Dick' ist ein Industrieroman", das war so eine der
überraschenden Deutungen, oder "ENTE" statt "ENDE" als gewollter
Schreibfehler im Finale eines der Filmchen. Skeptiker können nun
meinen, mit dieser Auszeichnung werde die Unart des
Häppchen-Journalismus' endgültig auch in die Kultur- und
Literaturmagazine einziehen. Mag sein und warum auch nicht, wenn doch
auch noch die Langformen ihren Platz behalten. Die Reihe "100
Sekunden Weltliteratur" sollte als vorbildstiftende Form verstanden
werden: Kulturfernsehen in äußerster Kürze, dabei
ohne Verrat an der Substanz.
Eine Überraschung im Genre und als Format fast ein bißchen
revolutionär: Denn wenn man von großer Literatur in dieser
Kürze und noch dazu absolut fernsehgerecht und unterhaltsam
handeln kann, dann müßten solche belletristischen "100
Sekunden" eigentlich auch eingestreut werden in die Hauptprogramme
à la ZDF. Das wären die Programmplaner, deren Auftrag die
Integration von Themen und Zielgruppen in ein Programm, nicht mehrere
Spartenkanäle ist, sich und dem Geist des
öffentlich-rechtlichen Rundfunks eigentlich schuldig.
Eine kleine Spur dieses neuen Stils fand sich auch in der zum
Wettbewerb eingereichten letzten Ausgabe des WDR-"Lesefiebers" (das
als Ganzes wenig überzeugte). In einem Beitrag dieses Magazins
hatte sich der junge Berliner Filmstudent Nicolai Albrecht den
"Meistererzählungen" von Wilhelm Raabe gewidmet und darüber
einen frechen Sketch gemacht, einen literaturkritischen Comic-strip
mit Tricktechnik, in dem ein Bücherfreund einen anderen
überzeugen will, Raabe zu lesen. Muß ich wirklich? fragt
der andere. Darüber entspinnt sich ein Streit über den Sinn
des Lesens, der urkomisch anzusehen ist. In solchen respektlosen
Miniaturen scheint eine neue Frische auf, die das Kulturfernsehen zu
seiner Revitalisierung dringend braucht.