"Prager Botschaft" (D 2007, 96min.,16:9, Stereo)
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| Synopsis | 1989 ist ein besonderes Jahr für das geteilte Deutschland. Während auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs ein 40-jähriges Staatsjubiläum gefeiert wird, suchen Hunderte von ausreisewilligen DDR-Bürgern in den Hauptstädten der sozialistischen Nachbarstaaten Zuflucht in Botschaftsgebäuden der Bundesrepublik. Ein Exodus hat eingesetzt, der die Fluchtwelle während des Mauerbaus bei weitem übertrifft. Ein junges Paar aus Ostberlin, Bettina und Stefan Herfurth, sind auf Hochzeitsreise in Prag. Im Morgengrauen, nach einem gelungenen Abendessen im Kreise von Freunden, offenbart Stefan der sprachlosen Bettina, dass er von langer Hand geplant hat, der Perspektivlosigkeit ihrer gemeinsamen DDR-Existenz den Rücken zu kehren und dem Beispiel vieler Mitbürger folgend in die bundesdeutsche Botschaft zu gelangen. Bettina soll dort ausharren und ihren Ausreiseanspruch verteidigen, während er in aller Eile aufbricht, um ihren gemeinsamen Sohn Felix nachzuholen, der zur Tarnung des Fluchtplans zunächst bei den Großeltern in Ostberlin geblieben ist. Bettina ist von Stefans Aktion völlig überrumpelt. Zu ihrer Erleichterung entschließen sich ihre Freunde Thomas und Karin spontan, ebenfalls über die Botschaft der BRD in den Westen zu fliehen und sich gemeinsam mit Bettina unter den dramatischen Überlebensbedingungen zu behaupten. Denn längst sind das Fassungsvermögen und die sanitäre Infrastruktur des Botschaftsgeländes erschöpft. Trotz aller Bemühungen der Botschaftsangehörigen vor Ort und des Auswärtigen Amtes auf höchstem internationalen Parkett zeichnet sich eine Katastrophe ab, während die Zahl der Flüchtlinge rasend steigt. Doch nicht nur die humanitären sondern auch die privaten Herausforderungen für Bettina und Stefan erweisen sich als unverwartet groß. Abschied und Neuanfang haben ihren Preis: Es gilt, sich der Vergangenheit zu stellen, bevor ein neues Kapitel aufgeschlagen werden kann - für das junge Paar und für die Geschichte Deutschlands.
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| Pressestimmen | Geschichtsstunde mit großen Emotionen - In 96 hochdramatischen Minuten rekonstruiert Regisseur Lutz Konermann ein Kapitel deutscher Zeitgeschichte als Familiendrama, ohne den politischen Hintergrund zu vernachlässigen: Tages-Tipp! TV Movie Spannend, glaubhaft und erfreulich kitschfrei. Rundum tobt das dramatische Zeitgeschehen, mit großem Aufwand an Originalschauplätzen nachgestellt, bis in kleine Rollen gut besetzt - und der famosen Hauptdarstellerin glaubt man sowieso alles: Tipp des Tages! TV Spielfilm Ein Film zum Mitfiebern. Wie im wahren Leben. TV Digital Tages-Tipp! TV Today Mit authentischem DDR-Flair und amerikanischem Thrill veranschaulicht dieser Film die Ereignisse, die wenig später zur Wiedervereinigung führten. Ein gelungener Mix - denn die dramatisierte Fassung ruft jene Aufregung wach, die viele Menschen noch aus eigenem Erleben kennen. Sehr detailgetreu, bis zum Schluss unerträglich spannend. "Goldene Kamera"-Tipp: Besonders sehenswert! HörZu Ein bewegendes, überaus intensives Filmerlebnis, ohne Pathos und Effekthascherei erzählt. Das herausragende Ensemble spielt durch die Bank grandios. Sehenswert! Tipp der Woche! Gong Der emotionalste Film des Jahres. Berliner Kurier RTL legt wunderbarerweise ein gutes Melodram zur deutschen Geschichte vor - "Prager Botschaft" ist nicht nur rührend sondern ein richtiger Fernsehfilm. Das ist vor allem Anneke Kim Sarnau zu verdanken, die noch immer so natürlich spielt, als wäre sie keine Schauspielerin. Sie muss gar nicht lang die zwischen Ost und West hin und hergerissene Lehrerin markieren, sie ist es einfach. Süddeutsche Zeitung "Ich bin gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ..." Wer erinnert sich nicht an den 30. September 1989, als der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag zu einem Satz anhob, der in die Geschichte einging. Absolute Gänsehaut-Zeit. "Prager Botschaft" ist das Fernsehdrama zu diesem historischen Datum, und der Film von Regisseur Lutz Konermann reiht sich nahtlos ein in die sehenswerten TV-Produktionen, die sich jetzt ohne jede Form von "Ostalgie" mit der ehemaligen DDR auseinander setzen. (...) Und doch sticht der exzellent besetzte Film angenehm heraus, weil er, bei allem offensichtlich betriebenen Aufwand nicht auf die große gefühlshaschende Geste, das sündteuer wirkende Spektakel setzt, sondern seine Geschichte über weite Strecken leise, in nüchternem, bescheidenem Rahmen erzählt. (...) Die Hauptdarsteller verleihen ihren Rollen genügend Tiefe, machen sie zu begreifbaren menschlichen Schicksalen. Alleine Anneke Kim Sarnau als umwerfende ostdeutsche Powerfrau, die eigentlich noch an ihr Land glaubt, und Hinnerk Schönemann als ziemlich jämmerlicher Stasi-Spitzel bilden einen Gutteil der Befindlichkeiten in jenen Tagen ab. (...) Also erinnern wir uns: an die Tränen, an eine Zeit, die Deutsche in Ost und West ganz plötzlich so unverhofft nahe brachte! Diese Stimmung, dieser erste Ansatz einer beginnenden kollektiven Rührung, einer kaum fassbaren gemeinsamen Freude, wird in "Prager Botschaft" mit emotionalen Bildern transportiert und gebührend gewürdigt. Schon deshalb ist dieser Film gelungen und wichtig. (tsch), Frankenpost
Deutschland einig Mütterland Zwei Fernseh-Highlights über die untergehende DDR erzählen die deutsche Einheit aus der Frauenperspektive - Sportsfreunde mögen gleich ein Duell wittern. Wer hat die bessere TV-Fiktion gemacht, das private oder das öffentlich-rechtliche Fernsehen? Wer ist die größere Fernsehheldin: Anneke Kim Sarnau in "Prager Botschaft" oder Veronica Ferres in "Die Frau vom Checkpoint Charlie"? Dabei stehen die Sieger 2007 schon fest. Es sind - wer sonst? - die Frauen. Heldin schlägt Helden. Männer machen vielleicht Geschichte, aber Frauen erleiden und durchschauen sie. Jetzt dürfen sie die Hauptrollen spielen. Der weibliche Blick entscheidet über Sinn und Unsinn der Geschichte. Die Frauen sind es, die den Irrsinn der DDR entlarven. (...) Die "Prager Botschaft" (Regie: Lutz Konermann, Buch: Rodica Döhnert) ist eine geradezu wunderbare Auferstehung der Movie-Kunst bei den Privaten. Ausgerechnet RTL, das sich aus dem Genre zu verabschieden schien, hat diese Auftragsproduktion gestemmt. Die Rekonstruktion der Vorgänge im Spätsommer 1989 ist erkennbar sorgfältig verfilmt worden. 45 Original-Trabis, 1800 DDR-mäßig eingekleidete Komparsen, zwei komplette Eisenbahnzüge, ein sich selbst spielender ehemaliger Kanzleramtsminister, dazu eine Riege guter Schauspieler (Christoph Bach, Hans-Werner Meyer, Dietrich Mattausch) - das alles hätte im Gewoge von Tränen und Jubel jegliche Kontur verlieren können. Aber da gibt es Anneke Kim Sarnau. Wenn die Gefühle, meistens die der Verzweiflung, aus ihr herauskommen, beginnen die Lippen zu zucken. Dann stellt sie den heiligen Zorn dar, als wäre nichts zwischen Persönlichkeit und schauspielerischer Professionalität. Dann schleudert sie DDR-Anwälten, die mit faulen Garantieversprechen die Flüchtlinge zur Rückkehr in den Honecker-Staat bewegen wollen, ihre Überzeugung ins Gesicht. Ein großer szenischer Moment, in dem man sehen kann, wie die DDR im untrüglichen weiblichen Wahrheitssinn zerbricht. Sarnau hat nur wenige Szenen, die sie zusammen mit ihrem Sohn zeigen. Aber immer ist klar, dass es die feindliche oder abweisende Welt mit einer Mutter zu tun hat. Einer Mutter, deren politische Sinne durch das Kind besonders geschärft sind. Die nichts mehr mit sich machen lässt. Sie hatte einst eine Affäre, ausgerechnet mit dem westdeutschen Botschaftsmitarbeiter (mit einer Mischung aus Tatkraft und Trauer von Meyer eindrucksvoll gespielt), der ihr im Prager Botschaftspalais Lobkowitz nach Jahren unerwartet über den Weg läuft. Aber es gibt für sie kein erotisches Zurück - aus Verantwortung für den DDR-Mann und das gemeinsame Kind. Sarnau und Regisseur Konermann gelingt es, den Liebesverzicht nicht als hochverkrampften heldischen Opfergang zu zelebrieren, sondern als Folge der Logik der Gefühle. Movie in Heldinnenland verliert wie von selbst alles Schwulstige und Aufgesetzte. Diese neue Bescheidenheit, die etwas Unwiderstehliches hat, vertreibt auch den Gedanken, es könnte sich bei der Feier der Mutterschaft um erotische Kompensation handeln, die Kinder als Ersatz für untreue Kerle. Aber wer hat nun gewonnen? Sarnau oder Ferres? Die Privaten oder die Öffentlich-Rechtlichen? Die es am meisten verdienen: die Zuschauer. Nikolaus von Festenberg, DER SPIEGEL | |
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| Team Buch: Rodica Döhnert
Cast Bettina Herfurth: Anneke Kim Sarnau u.v.a.
Homepage Lutz Konermann ...und noch mehr Presse:
Dieses Land ist doch längst am Ende, Vater RTL macht den deutschen Sommer 1989 zum welthistorischen Theaterstoff: "Prager Botschaft" Muss man das so ausführlich schildern? Erinnert sich nicht jeder genau an jene politisch und emotional mitreißenden Wochen im Sommer und Herbst 1989? Als mehr und mehr Menschen bei den Montagsdemos vor der Leipziger Nicolaikirche dem Willen der Mehrheit des Volkes öffentlich Wort verschafften? Man muss nicht. Aber es hilft. Vor allem hilft es der Anschauung und dem Verständnis der zeitgeschichtlichen Situation, sich die damaligen Ereignisse als klassisches Drama mit unglaublicher Katharsis oder gar als Politik- und Spionagethriller im Geist John le Carrés vorzustellen. Gerade die jüngsten historischen Erinnerungen erweisen sich beim näheren Betrachten immer als die ungefährsten. Wer 1989 geboren wurde, also in diesem Jahr volljährig wird, für den sind die Prager Zustände dieses Jahres so nah wie die erste Mondlandung. Vor diesem Hintergrund kann man den Film ãPrager Botschaft" mit Anneke Kim Sarnau, Christoph Bach und Hans-Werner Meyer in den Hauptrollen als populärpädagogisches Unternehmen ersten Ranges betrachten. Selbstverständlich kann man gegen die fernsehgerechte Aufbereitung zeitgenössischer Historie, die bei allen Sendern in Mode ist, allerlei einwenden. Erstens: Dass Geschichte kurzweilig aufbereitet wird, ist manchen schon per se suspekt. Allerdings empfahl schon Horaz, aus propädeutischen Gründen Belehrung mit Unterhaltung zu garnieren. Zweiter Vorwurf: Um des Effekts willen wird die historische Genauigkeit dem Trivialen geopfert. Wo nur noch Schicksal gespielt wird, herrscht das Rührstück. Natürlich ist die Geschichte, die ãPrager Botschaft" erzählt, plakativ. Abgesehen vom Fall der Mauer wird es schwierig sein, in der jüngeren deutschen Geschichte etwas Plakativeres zu finden als die Vorgänge um die Prager Botschaft. Die Geschichte an sich hat ein höchst fiktives Moment. Drittens: Nach den ungeschriebenen Gesetzen des ãEvent-Movies" besteht ein solcher Film aus zwei neunzigminütigen Teilen, von denen einer überflüssig ist. ãPrager Botschaft" aber kommt mit einmalig neunzig Minuten aus, um neben einem großen Spannungsbogen mehrere detailreiche Nebenhandlungen straff und detailsatt zu verfolgen (Regie: Lutz Konermann; Buch: Rodica Döhnert). Und viertens: Zum Rezept des Historienfilms gehört anscheinend unabdingbar die Konstellation ãgebeutelte, aber tapfere Frau zwischen zwei Männern". In den meisten Fällen ist sie überflüssig. Diesmal nicht. Statt auf intime Wiedervereinigungs-Soap setzt ãPrager Botschaft" auf Annäherung durch Wandel, alle möglichen Aussprachen zwischen den Protagonisten inklusive. Während die Situation in der Botschaft immer angespannter wird und die sogenannte große Politik händeringend eine Lösung sucht, gehen allerorts die Kommunikationsblockaden nieder. Bettina bespricht mit Stephan den Vorwurf, aus Feigheit ihr Land zu verlassen; sie ringt mit Georg um die richtige Fassung ihrer Geschichte; Stephan diskutiert mit seinem Vater über seine Gründe, die DDR zu verlassen. ãMein Sohn ist kein Republikflüchtling. Junge, das ist doch auch dein Land", beschwört der Vater den Sohn. ãDieses Land ist doch längst am Ende, Vater", erwidert Stephan. Wo der Vater in Günther angesprochen ist, da hat der Kommunist zu schweigen. So funktioniert Fernsehen, nicht nur bei RTL. Zu danken ist dem Sender auch, dass die Hauptrollen nicht die üblichen Verdächtigen (etwa Veronica Ferres oder Heino Ferch) spielen. Die Besetzung ist ein Glücksfall. Die Grimme-Preisträgerin Anneke Kim Sarnau wirkt uneitel kraftvoll, authentisch und rührend ohne große Sentimentalität, Christoph Bach spielt frisch, und Hans-Werner Meyer agiert sensibel und klug zurückgenommen. Heike Hupertz, F.A.Z.
Die letzte Schlacht Das hat er uns ja mehrfach geboten, der Sektor unterhaltende Spielfilme im deutschen Fernsehen: Katastrophen und Kämpfe aus der jüngeren Geschichte, große Investitionen, Riesen-Zuschnitt, Zweiteiler, Starbesetzung. Und wenn man dann "Prager Botschaft" hört, die Zeit kurz vor dem Mauerfall, assoziiert man sofort ein Mega-Ding mit Massenszenen und Schicksalsglocken der untergehenden DDR. Aber dieser Film ist anders: bewusst bescheiden, nur 90 Minuten lang, streckenweise ganz auf Kammerspielton gestimmt, und statt großer Namen gibt es Schauspielkunst. Beinahe ein kleiner Film im sympathischen Sinne, der die Provinzialität Ostberlins, die um Ausreise kämpfenden Menschen und die Angestellten in der BRD-Botschaft geschickt in den Mittelpunkt rückt. Im Grunde war das ja fast ein Schildbürgerstreich, diese Belagerung der Botschaft und damit der Bundesrepublik so kurz vor dem Zusammenbruch des Ostblocks. Zugleich aber war dieser Streich die Initialzündung für den großen Aufbruch der DDR-Bevölkerung, für die Leipziger Helden und die Versammlungen auf dem Alexanderplatz. "Die letzte Schlacht des Kalten Krieges" nennt der Prager BRD-Botschafter Huber (Dietrich Mattausch) den Sturm auf seine würdige Gesandtschaft. Es war dem Film also auferlegt, neben der Kleinteiligkeit und Enge dieses Vorscheins von Aufbruch und Umsturz auch die Größe zu zeigen, die historische Wucht, die in dieser scheinbar bloßen Summe von privaten Einzelentscheidungen lag. Und das ist durchaus gelungen. Vom Kammerspiel der Ehe- und Elternkrisen, des Stasi-Verdachts und der vereitelten Fluchten führen Buch (Rodica Döhnert) und Regie (Lutz Konermann) mit sicherer Hand zu der belagerten Botschaft in Prag, wo sich Tausende drängen, und von da wieder zurück in die Tristesse des verröchelnden Realsozialismus, wo Genosse Honecker sich vor dem Westfernsehen fürchtet. Ein Glücksgriff war die Besetzung der Hauptrolle mit der unwiderstehlichen Anneke Kim Sarnau, die die Ostberliner Lehrerin Bettina Herfurth darstellt, die zur Hochzeit nach Prag reist und gar nicht weiß, dass ihr Mann die Flucht schon durchgeplant hat. Wie diese Frau das alles aushält: plötzlich Republikflüchtling, aber der kleine Sohn ist noch in Ostberlin. Und der Attaché des Botschafters, Georg Stein, entpuppt sich als ihr verflossener Westgeliebter. Sie hält es aus, diese tolle Bettina, sie strampelt, schimpft, fleht, kämpft, weint, wartet und wirft ihren Stolz über Bord. Georg Stein wird ihr Schicksal wenden, er hat die klassische Charakterrolle des Rick alias Humphrey Bogart in "Casablanca". Logisch liebt er sie noch, die bezaubernde Heldin, deren heiß geliebter "Westkontakt" er war, logisch verzichtet er und sorgt dafür, dass Bettinas Mann Stephan, der Vater ihres Jungen, aus CSSR-Haft freikommt und die Familie Herfurth noch vor der Bundesrepublik mit angemessenem Pathos wiedervereinigt wird. Und sie schaut ihm in die Augen, die kleine, große Bettina. Warum das damals nichts wurde mit Georg und seiner Ostbraut? "Sie wollte nicht im Westen leben und ich nicht im Osten" erklärt der Attaché. So thematisiert der Film durchgehend und wohl auch historisch korrekt die Loyalität vieler, auch regimekritischer, DDR-Bürger zu ihrem Land. Auch die krumme Tour eines Freundes der Herfurths, der für die Stasi spitzelt, ist eine (krumme) Spielart von Loyalität. Stephan, ein ehrgeiziger Architekt, der es satthat, Plattenbausiedlungen nach Schema F hochzuziehen, ist im Grunde der Einzige, den nichts, aber auch gar nichts, in "seiner" Republik hält. "Ich möchte endlich normal arbeiten und nicht den Mangel verwalten." Die Szene zwischen ihm und seinem Vater (sehr überzeugend in dieser Nebenrolle: Michael Kind), der den sozialistischen Staat mit aufgebaut hat und zu ihm steht, ist hier paradigmatisch. Und versöhnlich. Denn als es drauf ankommt, entscheidet sich der linientreue Vater gegen das Gesetz der Diktatur, den Kadavergehorsam, und für die Menschlichkeit. Barbara Sichtermann, epd medien | |
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| Friedhof der Kuschelautos Echte Menschen, wahre Geschichte: Mit viel Liebe zum Detail und der grandiosen Hauptdarstellerin Anneke Kim Sarnau rekonstruiert RTL in "Prager Botschaft" den Anfang vom Ende der DDR - und beweist dabei mehr Fingerspitzengefühl als die öffentlich-rechtliche Konkurrenz. Stoßstange an Stoßstange stehen sie verlassen am Straßenrand und verstopfen die Innenstadt. Den Menschen, die über die Botschaft der BRD nach Westdeutschland flüchten wollen, bleibt nichts anderes übrig, als ihre Trabbis einfach irgendwo stehen zu lassen. Wie Relikte eben jenes Systems, das sie durch den Sprung über den Botschaftszaun zu überwinden hoffen. Prag sieht aus wie ein gigantischer Friedhof der Kuschelautos. Die Trabbi-gesättigten Straßen der Stadt, die lilagetränkten Ballonjacken der männlichen Flüchtlinge und die per Dauerwelle aufgehübschten Frisuren der Frauen lassen keinen Zweifel aufkommen: Hier sind gewiefte Rekonstrukteure am Werk. RTL hat keine Kosten und Mühen gescheut, um das Kapitel der jüngeren deutschen Geschichte, das direkt zum Fall der Mauer führte, fiktional auszuschmücken. Bemerkenswert, wie dabei die klassische Dreiecksgeschichte, ohne die TV-Movies dieser Größenordnung offensichtlich nicht auskommen, in die präzise nachgestellten historischen Abläufe - beziehungsweise in die medialen Spurenreste eben dieser Abläufe - eingefügt wurde. Die Nachrichtenbilder vom Spätsommer 1989 sind ja noch in Erinnerung. Damals sah man im Fernsehen immer wieder die gleichen Szenen, bei der die beschauliche Improvisation in der Botschaft und um sie herum gelegentlich im Widerspruch zu der Dramatik der Ereignisse zu stehen schien: Da kraxeln Menschen auf der Flucht aus einem totalitären System über den Gartenzaun der Botschaft, als ob sie nachts in ein Freibad einsteigen. Wie Kegelbrüder beim Vereinsausflug Unvergessen auch die erstaunlich unperfekten Fernsehbilder von Außenminister Hans-Dietrich Genscher, der am 30. September vom Balkon der Botschaft vor inzwischen 4000 Flüchtlingen eine historische Ansprache hält, in der schlechten Ausleuchtung aber nur als Silhouette zu erahnen ist und dessen entscheidende Worte über das Einlenken der DDR-Regierung einfach im fröhlichen Tumult untergehen. Und schließlich sind da noch die Impressionen der nun endlich ausreisebefugten Ostdeutschen, die am Prager Bahnhof aus den Bundesbahnwaggons herausjohlen wie Kegelbrüder beim Vereinsausflug. All diese sonderbar spröden und doch bedeutsamen Bilder aus dem Fernsehgedächtnis werden nun in "Prager Botschaft" nachgestellt - und eben mit einer sonderbar spröden und doch bedeutsamen Dreiecksgeschichte kombiniert: Lehrerin Bettina (Anneke Kim Sarnau) und Architekt Stephan (Christoph Bach) nutzen die Hochzeitsreise nach Prag, um sich über die Botschaft in den Westen abzusetzen. Stephan, der mit der Einheitsarchitektur ebenso hadert wie mit der Einheitspartei seines Landes und "keine Platten mehr hochziehen" will, ist zuvor ins Visier der Stasi geraten. Während er noch einmal zurück in die DDR fährt, um das gemeinsame Kind nachzuholen, steigt Bettina schon mal über den Zaun der Botschaft - wo sie ihrem einstigen Liebhaber Georg (Hans-Werner Meyer) wiederbegegnet, der hier als Attaché tätig ist. Einst ließ sie ihn beim Fluchtversuch aus Ostberlin sitzen, um bei Mann und Kind zu bleiben. Das hat der Wessi seiner ostdeutschen Liebe nie verziehen. Warum sollte er auch? Anneke Kim Sarnau: Erstaunlich feinnervig "Prager Botschaft" (Regie: Lutz Konermann, Buch: Rodica Döhnert) erzählt vor dem Hintergrund des Zeiten- und Systemwechsels von der Zerrissenheit der Menschen. Die Politik ist nicht gerecht, die Liebe ist es erst recht nicht. Richtig Gute und richtig Böse sucht man hier vergeblich; Widersprüche sind erlaubt. So rein und unschuldig etwa der Wunsch von Mutter Bettina nach ihrem Sohn ist, so diffus bleiben ihre Gefühle über weite Strecken gegenüber den beiden Männern. Sie taumelt vor Angst ums Kind und verzieht das Gesicht zur stummen Fratze, wenn der einstige Liebhaber Erklärungen für ihr Handeln von ihr verlangt. Hauptdarstellerin Sarnau spielt in Anbetracht des staatstragend schweren Themas mit erstaunlicher Feinnervigkeit. Auch wenn die Geschichte der von ihr verkörperten Figur Recht gibt - ihre Bettina ist alles andere als perfekt. So kann sie zwar im Flüchtlingslager ehrenhaft für Leidensgenossinnen kämpfen, im privaten Bereich aber verbieten sich Erbauungsreden. Auf diese Weise schafft "Prager Botschaft" ganz nebenbei ein schönes Gegengewicht zur Eindimensionalität vergleichbarer Filme: Der deutsche Fernsehzuschauer, so glauben zumindest die Verantwortlichen, brauche Leitbilder. Deshalb erinnern zeitgeschichtliche TV-Dramen mit weiblichen Heldinnen in ihrer Steifheit oft an Reden zur Mutterverdienstkreuzvergabe. Scheußlich etwa, wie Maria Furtwängler hoch zu Ross als unfehlbare Matrone durch den ARD-Vertriebenenzweiteiler "Die Flucht" ritt. Und scheußlich auch, wie Veronika Ferres im ebenfalls zweiteiligen Ostwest-Rührstück "Die Frau vom Checkpoint Charlie", das nächste Woche in der ARD ausgestrahlt wird, als über jeden Zweifel erhabenes Muttertier Stasi-Schergen und Bundesbeamte zur Räson bellt. Da wirkt die RTL-Produktion, die an diesem Wochenende überpünktlich zum Tag der Deutschen Einheit ausgestrahlt wird, sehr viel authentischer. Und das eben nicht nur wegen der wunderbaren Ausstattung, sondern auch aufgrund der recht komplex angelegten Nebenfiguren. Selbst der unvermeidliche Stasi-Schnüffler, hier von Hinnerk Schönemann ("Yella") mit nervöser Brillanz gespielt, bekommt ein verzweifelt-menschliches Antlitz. Da schaut man über die Schwächen von "Prager Botschaft", die arg hektisch zugezurrten Handlungsknoten zum Beispiel, hinweg. Insgesamt liefert der Neunzigminüter ein so glaubhaftes Melodram über menschliche Schicksale vor großer historischer Kulisse, wie es die öffentlich-rechtliche Konkurrenz in Zweiteilern nur selten hinbekommt. Da sei dem Sender denn auch eine kleine Geschichtsverklärung in eigener Sache gestattet. So schauen die Menschen in "Prager Botschaft" zu jeder Zeit die RTL-News mit dem damaligen Anchorman Hans Meiser. Ein kleiner Gruß aus den Kindertagen des noch nicht ganz so mächtigen Privatfernsehens. Nichts gegen Hans Meiser, aber als Botschafter der freien westlichen Welt erscheint seine Rolle doch ein wenig überbewertet. Christian Buß, spiegel-online.de
Die letzte Schlacht des Kalten Krieges Das alles hätte schwer erträglicher RTL-Kitsch werden können. Überzuckert mit Geigengejammer, mit plumpen Dialogen versehen, ebenso holzschnittartig wie tränenreich heruntergespielt. Nichts davon. Der Film ãPrager Botschaft", Höhepunkt des jährlichen Fernsehwettstreits um den Preis für den besten TV-Beitrag zum 3. Oktober, ist ein spannendes Stück Zeitgeschichtsfernsehen geworden. 18 Jahre nach den Ereignissen ist es RTL gelungen, aus der letzten Schlacht des Kalten Krieges großes Fernsehen zu machen. Die Intensität der Wendejahre, das Gefühl, einem Windhauch der Geschichte ganz nah zu sein, hat der Film wunderbar eingefangen. Regisseur Lutz Konermann erzählt die Geschichte der jungen DDR-Bürgerin Bettina Herfurth (Anneke Kim Sarnau). Für sie, die sich wie Tausende andere von tschechischen Polizisten verfolgt am Gitterzaun der deutschen Botschaft emporhangelt, werden die Wochen auf dem überfüllten Botschaftsgelände nicht nur zur Tortur für Geist und Körper, sondern auch zu einer Reise in die eigene Vergangenheit. Anneke Kim Sarnau gelingt es hinreißend, das verzweifelte Dilemma zwischen Heimatverlust und Freiheitsdrang als persönliches Drama einer Mutter zu zeigen, die zwischen heiligem Zorn und stummer Verzweiflung schwankt. ãWir wollten ein bisschen von der Begeisterung wiederaufleben lassen, die zur Wiedervereinigung herrschte", sagt Barbara Thielen, Bereichsleiterin Fiktion bei RTL. Operation gelungen. Imre Grimm, Aller-Zeitung
Der emotionalste Moment der deutschen Wendegeschichte Die Szene wurde rauf und runter gesendet, aber sie ist nicht kaputt zu kriegen. Es fasziniert immer wieder, woher die Leute da unten im Prager Botschaftsgarten eigentlich die Gewissheit nahmen, dass der entscheidende Satz enden würde, wie er endete. Genscher marschierte mit seinem Gefolge auf den Balkon, sprach: "Wir sind gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute ihre...", und als er bei "... Ausreise ..." angekommen war, gellte ihm ein Freudenschrei aus 4000 Kehlen entgegen, so dass nun niemand mehr verstehen konnte, ob denn dann nicht doch noch Worte folgten wie: "...leider nur nach Karl-Marx-Stadt oder Nordkorea vollzogen werden kann." Der Druck, die Erwartungen, der Stress in den Wochen zuvor waren zu groß gewesen. Es war der emotionalste Moment der deutschen Wende- und Wiedervereinigungsgeschichte. Morgen zeigt RTL den Fernsehfilm "Prager Botschaft". Selbstverständlich strebt das TV-Flüchtlingsdrama jenem magischen Augenblick entgegen. Und dennoch gelingt es der Produktion, sich auf dem Weg dorthin von der schwer atmenden Weltgeschichte weitgehend zu emanzipieren. Rodica Döhnert (Buch) und Lutz Konermann (Regie) stellen die historischen Abläufe dorthin, wo sie bei solchen Gelegenheiten am besten aufgehoben sind: in den Hintergrund. Hier wird kein nationales Hochamt zelebriert, sondern eine atmosphärisch dichte, packende Geschichte erzählt - über Liebe, Freundschaft und Verrat. Bereits zum zweiten Mal innerhalb von 14 Tragen attackiert RTL mit einer ambitionierten Eigenproduktion den ARD-"Tatort". Der Katastrophen-Zweiteiler "Tarragona" vor zwei Wochen wirkte zu unkonzentriert, um wirklich überzeugen zu können. "Prager Botschaft" dauert nur halb so lang, und diese Beschränkung ist ein Gewinn. Der Film ist stringenter angelegt und etabliert ein überschaubares Ensemble glaubwürdiger und entwicklungsfähiger Figuren. Was ihn besonders sympathisch macht, ist sein Mangel an Pathos und Melodramatik. Bettina und Stefan sind im September 1989 in Prag. Es ist ihre Hochzeitsreise. Eigentlich. Denn abends im Hotel eröffnet Stefan seiner Frau, dass er heimlich die gemeinsame Flucht in die bundesdeutsche Botschaft vorbereitet hat. Bettina ist schockiert, schließt sich ihm dann aber doch an, zumal die langjährigen Freunde Thomas und Karin das Paar kurz entschlossen begleiten wollen. Stefan macht sich noch einmal auf den Weg zurück in Richtung Ost-Berlin, um den gemeinsamen Sohn abzuholen. Dort stellt Stefan jedoch fest, dass die Staatssicherheit von seinem Plan weiß. Derweil begegnet Bettina ihrem früheren Liebhaber Georg, der als Kulturattaché in der Botschaft arbeitet. Er hat es noch nicht bewältigt, dass die verbotene Ost-West-Beziehung vor einigen Jahren scheiterte. Eine Frau zwischen zwei Männern. Eine Mutter in Angst um ihren Sohn. Eine DDR-Bürgerin auf dem Weg in den Westen. Das hätte auch ein Tränenzieher werden können. Dass es nicht so kommt, hat auch mit Hans-Werner Meyer zu tun. Er interpretiert die Rolle des Liebeskummer-Diplomaten angenehm verhalten. Anneke Kim Sarnau zeigt als Bettina erneut, warum sie als eine der besten deutschen Schauspielerinnen gilt. Hier porträtiert sie eine Frau, die nicht dazu geschaffen ist, mit Begriffen wie "Freiheit" und "Demokratie" zu hantieren: energisch, aber keine politische Aktivistin. Bettina hätte die DDR von allein nie verlassen, aber angesichts der Massenflucht, der Zustände in der Botschaft und der östlichen Reaktionen darauf wird sie allmählich wütend: "Als ich hierher kam, habe ich mich für meine Flucht geschämt. Jetzt schäme ich mich für mein Land." Für manche Kollegin wäre eine solche Formulierung zu nahrhaft gewesen. Doch bei einer Anneke Kim Sarnau wirkt nichts dick aufgetragen. Hin und wieder sieht es aber doch so aus, als traue das Drehbuch der eigenen Geschichte nicht ganz. Da purzeln dann ein paar Merksätze wie fürs Geschichtslehrbuch heraus. Vor allem der deutsche Botschafter hat diesbezüglich eine merkwürdige Welterklärungsfunktion. Angesichts der durchweg authentisch wirkenden Hauptfiguren und ihrer Darsteller Christoph Bach, Valerie Koch und Hinnerk Schönemann ist das aber kein großes Problem. Dass der Film letztlich überzeugen kann, hängt auch mit seiner Ausstattung zusammen. Die DDR-Bürger sehen so aus, wie DDR-Bürger damals durchschnittlich aussahen. Auf den Anblick des einschlägigen Fuhrparks muss man auch nicht verzichten. Damit alles stimmt, verkörpert bei der Balkonszene Ex-Kanzleramtschef Rudolf Seiters sich selbst. Die Produzenten haben versucht, auch den Überbringer der frohen Botschaft für einen Kurzauftritt zu gewinnen. Hans-Dietrich Genscher sagte in letzter Sekunde ab. Wegen der "historischen Einmaligkeit" sehe er sich nicht in der Lage. Eine weise Entscheidung. Und dem Film hat sie nicht geschadet. André Mielke, WELT online |
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