Der Spiegel zu "Aufdermauer"



Draußen teurer

"Aufdermauer". Spielfilm von Lutz Konermann. Deutschland 1982, 96 Minuten, schwarzweiß.

Aufdermauer - ein seltsamer Name, der Kalauer provoziert. Aber wer Lutz Konermanns Film gesehen hat, mag nicht mehr trällern: "Auf der Mauer, auf der Lauer..." Denn dieser Albert Aufdermauer, von dem hier erzählt wird, sitzt tatsächlich auf der Lauer - hinter Gittern. Und das seit 34 Jahren.

Als er 22 war, wollte er, zusammen mit zwei Freunden, einen Bauern ausrauben: den Bauern aus Ostkilver im Teutoburger Wald, bei dem er als Halbwaise nach dem Krieg im Kuhstall untergekommen war. Aufdermauer wurde ertappt und schlug mit der Heugabel auf den Bauern und dessen Tochter ein.

Der 88jährige starb, Aufdermauer wurde im April 1951 "wegen besonders schweren Raubes in Tateinheit mit Totschlag und versuchtem Totschlag" zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. (Nebenbei: Die Reichsmark, die er klauen wollte, waren längst wertlos.)

Nach verminderter Schuldfähigkeit, nach Aufdermauers elender Kriegskindheit, nach seinem Blasenleiden, das ihn zum Außenseiter werden ließ, mochte das Bielefelder Schwurgericht damals nicht lange fragen. Auch der Filmemacher Konermann fragt nicht mehr danach. Dafür ist es jetzt wirklich zu spät.

Er fragt nicht einmal nach der Gesundheit des Gefangenen, der - das war vor vierzehn Jahren - schon einmal fast verreckt wäre, weil im Gefängnislazarett von Werl ein Magendurchbruch nicht rechtzeitig behandelt wurde.

Die körperlichen Folgen von jahrelanger Einzelhaft interessieren ihn scheinbar nicht, den Absolventen der Münchner Filmakademie. Er ist jung, so jung wie Albert Aufdermauer, als der mit der Forke zuschlug. Und der Lebenslängliche, den er in seinem Film zeigt (gespielt von Klaus Abramowsky), ist physisch ganz gut beieinander.

Dieser Lutz Konermann fragt auch nicht danach, warum denn bisher jedes der zahlreichen Gnadengesuche für Aufdermauer abgelehnt wurde, wo doch ein Lebenslänglicher oft nach fünfzehn Jahren entlassen wird.

Er fragt nicht, warum da bis heute noch jeder psychiatrische Gutachter von seinem Bielefelder Kollegen abgeschrieben hat, der im Prozeß von 1951 "die künftige Entwicklung des Angeklagten äußerst ungünstig beurteilt" hatte. Aber Konermann ignoriert all diese Fragen nicht; sie erübrigen sich. Sein "Film als Gnadengesuch", so der Untertitel, wirkt nachhaltiger als jeder Aufschrei gegen "Isolationsfolter".

Es ist ein Spielfilm, er hat eine spannende Handlung, ja sogar komische Szenen. Und das, obwohl er doch nur eine jahrzehntelange Haft nachzeichnet, noch dazu mit sehr kargen filmästhetischen Mitteln.

Tatsächlich sind die ersten Kinominuten lähmend. Vom Fenster seiner Einzelzelle aus kann der Häftling auf einen Schrebergarten schauen. Er sieht wie ein kleines Mädchen zum Teenager heranwächst. Ansonsten erreicht ihn die Wirklichkeit der 50er und 60er Jahre nur im Zeitungsausschnitt (zum Beispiel als Photo von der Großkundgebung "Berlin bleibt frei"). Konermann zeigt diese Szenen ohne Ton. Die Beklemmung wird so groß, daß das Surren des Filmprojektors tröstlich wirkt.

Es sind authentische Szenen, obwohl der Häftling im Film Wisotzky heißt. Der wirkliche Aufdermauer schrieb 1974: "Die Fortdauer der Haft nach 24 Jahren Sühne kommt einer Todesstrafe unter andauernder Verzögerung ihrer Vollstreckung gleich. Ich bin von der Außenwelt so abgeschlossen wie ein verschütteter Bergmann." Eine furchtbare Situation - aber kein Filmstoff.

Doch auch den liefert der Häftling noch. 1980, in seinem dreißigsten Jahr, verlängerte er einen eintägigen Hafturlaub eigenmächtig auf zwanzig Tage.

Eine Flucht war das nicht, denn er stellte sich, nachdem seine 200 Mark erspartes Geld aufgebraucht waren: genau kalkulierte zehn Mark für jeden Tag "Himmel nach dreißig Jahren Hölle" (Aufdermauer). Als er sich beim Gefängnis zurückmeldete, erklärte sich der diensthabende Beamte für nicht zuständig und schickte ihn fort. Kurz darauf wurde Albert Aufdermauer von der Polizei gefaßt und wieder in eine Einzelzelle gesteckt.

Solch skurrile Episode müßte als unglaubwürdig, als satirischer Stilbruch bemängelt werden - wenn sie nicht der Realität entstammte. Also bekommt Konermann 1983 den Bundesfilmpreis für die beste Nachwuchsarbeit und sogar Lob aus New York. Dort mahnt das Branchenblatt "Variety", "in Zukunft auf diesen Regisseur zu achten".

Dem allerdings wäre heute schon ein bißchen mehr Beachtung wichtig. Und zwar von denen, die der Film in der Sache angeht. Erst Mitte Oktober, zweieinhalb Jahre nach der Fertigstellung und etlichen Festival-Erfolgen, gab es die erste öffentliche Kino-Vorstellung von "Aufdermauer". Die Premiere fand in Werl statt, im Wallburg-Theater, nicht weit von der Haftanstalt, in der Albert Aufdermauer die längste Zeit seiner Strafe verbüßen mußte.

Werl hat 30 000 Einwohner, der größte Betrieb der Stadt ist der Knast mit tausend Häftlingen der Kategorie C, Schwerverbrecher. Unter den dreißig Zuschauern in der Wallburg saß kein einziger Strafvollzugsbeamter, kein einziges Mitglied der Gefängnisverwaltung. Und als Lutz Konermann im vergangenen Jahr in Berlin sein Goldenes Filmband entgegennahm, war kurz zuvor ein erneuter Antrag des Gefangenen Aufdermauer auf "Entlassung auf Bewährung" abgelehnt worden.

Der Häftling damals an den Regisseur: "Inwieweit sich diese primitive Form der Zerstörung all meiner Hoffnung mit der Verleihung eines Bundesfilmpreises für die gute Wiedergabe meiner Qualen vereinbaren läßt, das wird Ihnen in Berlin wohl kaum jemand sagen können."

Solche Erfahrungen stärken Konermanns Skrupel, hier "ein Schicksal zur eigenen beruflichen Befriedigung, für meine Karriere benutzt" zu haben. Er hat diese Skrupel im Film selbst thematisiert: in der Figur eines Lokalreporters (Klaus Grünberg), der Aufdermauers Hafturlaub beantragt.

Im Zwiespalt zwischen professioneller Neugier und dem Wunsch nach echtem Entgegenkommen und menschlicher Hilfe wird dieser Journalist zum Tolpatsch. "Nach dreißig Jahren ein Tag Freiheit, ein bißchen Freiheit... aber wir machen uns den Tag schön", schwadroniert er mehr zu sich selbst als zu dem Häftling, der steif und angegurtet und mit großen Augen neben ihm im Opel Manta sitzt: ein moderner Kaspar Hauser, ein enfant sauvage von Anfang Fünfzig.

Aus dessen Sicht führt nun Konermann eine Zivilisation vor, die sich in den letzten dreißig Jahren prächtig entwickelt hat. In den schwarzweißen Bildern von der Odyssee des Häftlings Aufdermauer/Wisotzky (Kamera: Toni Sulzbeck) wird plötzlich auch dem Kinopublikum eine vertraute Welt fremd: das Parkdeck, die Bowlingbahn, der Fahrkartenautomat. Und immer wieder diese verrückte Lebensmittelabteilung.

Das irritiert wie der Szene-Bestseller "Papagei", der (erfundene) Reisebericht des Südsee-Häuptlings Tuiavii durch die europäische Kultur. Doch Konermanns befremdliche Protokolle haben keinen exotischen Kitzel. Romantische Zivilisationsflucht-Phantasien können sie nicht provozieren.

Aber Zorn: auf eine gnadenlose Justizmaschine, die mit der gleichen Konsequenz, mit der sie Aufdermauers Entlassungsgesuche abgelehnt hat, auch jede öffentliche Diskussion darüber verhindern wollte, damit "durch Publikationen über Gefangene deren spätere Wiedereingliederung in die Gesellschaft nicht gefährdet wird" (so das nordrheinwestfälische Justizministerium).

Dabei wird durch Konermanns "Publikation" Aufdermauers "Wiedereingliederung" ganz offensichtlich überhaupt erst möglich: Nach einer Fernseh-Ausstrahlung des Films (spät nachts, als "Kleines Fernsehspiel") hat sich die Menschenrechtsorganisation "Terre des Hommes" des Häftlings angenommen und erreicht, daß er aus dem berüchtigten Werl ins liberalere Hamburg verlegt wurde. Dort bekommt Aufdermauer inzwischen wieder Ausgang, verdient mit Häftlingsarbeit hundert Mark im Monat und hofft für übernächstes Jahr auf vorzeitige - vorzeitige! - Entlassung.

Falls er dann noch immer sitzt, gäbe es dafür kaum eine andere Erklärung als die eines Mitgefangenen in Konermanns Film: "Nach dreißig Jahren Knast bist du für die draußen teurer als hier drinnen."

Lutz Konermann hätte dann mit seinen Skrupeln recht behalten, hätte von diesem Schicksal bei seiner Film-Karriere profitiert, ohne es zu ändern. Nur: Besser kann Albert Aufdermauers Sache - mit Kunst - nicht vertreten werden.

Hartmut Schulze



"Aufdermauer" - Daten zum Film

Albert Aufdermauer - Zur Person