epd medien zu "Virus X"



Einheimische Könner

Die Ähnlichkeit mit Wolfgang Petersens Kino-Thriller "Outbreak" ist nicht zufällig, sondern eindeutig beabsichtigt. Das fängt schon mit dem Titel an: Der deutsche Verleih konnte es nicht bei "Outbreak" lassen, es mußte "Outbreak - Lautlose Killer" heißen. Und weil im deutschen Fernsehen - privat und öffentlich-rechtlich gleichermaßen - kaum noch ein Thriller auf Sendung geht, ohne das Publikum mit Variationen zu "Mord" oder "Tod" im Titel anzuschreien, konnte es SAT 1 natürlich auch nicht bei "Virus X" belassen - "Der Atem des Todes" mußte hinterhergeschoben werden. In diesem Fall ist das nicht nur so abgeschmackt wie all die anderen nekrophilen Titel - es ist vor allem irreführend, weil es suggeriert, das "Virus X" sei übertragbar durch die Luft. Mit dieser Annahme operiert zwar auch der Thriller aus Gründen der dramaturgischen Spannungssteigerung, doch sie erweist sich schon nach kurzer Zeit als falsch. Das muß sie auch - es sei denn, der Thriller hätte blinde Angst verbreiten und die Gesetze des Genres übertreten wollen, nach denen jede Bedrohung lokalisierbar und letztlich in den Griff zu kriegen ist.

Und so wenig wie "Outbreak" verletzt "Virus X" die Grenzen seines Genres. Der Thriller hält sich an die Struktur des großen Vorbilds aus Hollywood, wenn auch in angemessener Bescheidenheit, ein paar Nummern kleiner als bei Petersens Zwei-Fronten-Krieg der Virologen gegen das Virus und das Militär. Die Virologin Simone (Leslie Malton) kämpft nur auf dem überschaubaren Gelände eines Krankenhauses gegen den Klinikleiter, die Presse und das Gesundheitsamt, aber vom Ausbruch der ersten tödlichen Infektion bis zur Identifikation des "Virus X" und der damit verbundenen Heilungschancen werden die Motive: rätselhafter Tod, Entdeckung des Virus', Verharmlosung, Häufung von Todesfällen, Vertuschung, Hysterie, zwangsweise Quarantäne, Kontrolle über das Virus durchgespielt.

Auch das Motiv: gescheiterte Ehe der Protagonisten, Wiederannäherung durch die äußere Bedrohung greift dieser Thriller auf, ist hier aber unkonventioneller als Petersen: Während in "Outbreak" die infizierte Ehefrau von ihrem Mann in letzter Minute gerettet wird, kommt für den Chirurgen (Peter Sattmann) jede Hilfe zu spät. Das ist überraschend mutig für einen Thriller, in dem man lange genug mit der männlichen Hauptfigur sympathisieren konnte, um ihr - und sei es auch gegen die Gesetze medizinischer Logik - die Rettung zu wünschen. Überraschend auch die Entscheidung - anders als bei Petersen mit Dustin Hoffman - einen weiblichen Helden ins Zentrum zu stellen und diese Heldin geschickt aus allen weiblichen Stereotypen herauszuhalten. Leslie Malton spielt die Virologin Simone als eine Frau, die sich ihrer wissenschaftlichen Kompetenz ganz sicher ist und dennoch weiß, daß sie als Frau die Anerkennung ihrer fachlichen Autorität immer aufs neue erkämpfen muß. Schon lange war Leslie Malton, die zu aggressiv-manierter Überangestrengtheit neigt, nicht mehr so gut wie in dieser Rolle. Hier hat sie endlich wieder die Präsenz, die sie sonst oft nur eitel an sich reißt. Und man kann sich wieder einmal davon überzeugen, daß auch der beste Schauspieler nur so gut ist wie der Regisseur, der ihn zu führen weiß.

Lutz Konermann hat aber nicht nur aus Leslie Malton das Beste herausgeholt. Er hat auch den Thriller mit einer Kraft und Pointiertheit inszeniert, die von den ersten Minuten an in Atem hält, und trotzdem genügend Platz für die kleinen, atmosphärischen Dinge am Rande gelassen: das Dudel-Radio im Aufenthaltsraum der Ärzte und Krankenschwestern; die kurzen Gespräche zwischen der Virologin und ihrem Mann, hinter denen das emotionale Drama einer gescheiterten Ehe spürbar wird; Szenen in einer Zeitungsredaktion, die ganz nebenbei von der männlichen Gehässigkeit gegenüber weiblichen Journalistenkollegen erzählen; und vor allem die Szenen mit der Tochter Maria, von der kleinen Anna Brüggemann mit einer wunderbaren Pampigkeit gespielt, die zugleich die Verletztheit eines Kindes erkennen läßt, das zwischen Vater und Mutter hin- und hergeschoben wird.

Dies alles grundiert die dramatische Handlung im Vordergrund, macht sie glaubwürdig sogar dann, wenn einige Ungereimtheiten den Fluß der Geschichte vorwärts treiben müssen. Man nimmt sie in Kauf, weil sie vom großen Atem einer aufregenden Inszenierung getragen werden. Ein "Outbreak" für den Hausgebrauch - nicht von größenwahnsinnigen Epigonen, sondern von einheimischen, soliden Könnern präsentiert.

(Sybille Simon-Zülch in epd medien Nr. 34 vom 7. Mai 1997)


"Virus X - Der Atem des Todes" - Daten zum Film